

Die Gründung des „Wahlvereins für volksthümliche Wahlen" von Ober-Roden erfolgte am 13. April 1890. Die erste Vorstandswahl war am 20. April 1890; mit 21 Stimmen wurde Joseph Weber V. zum Ersten Vorsitzenden, mit 18 Stimmen Adam Keller zum Zweiten Vorsitzenden gewählt. Weitere Vorstandsmitglieder wurden Jakob Brehm mit 16 Stimmen und Georg Mackert mit 15 Stimmen. Zum Kassierer wurde Adam Brehm ernannt. In der zweiten Mitgliederversammlung am 4. Mai 1890 wurde das Lokal Blasius Graf als Vereinslokal bestimmt und die Versammlungen jeweils für den ersten Sonntag im Monat auf 3 Uhr (= 15 Uhr) festgesetzt.
Mit diesen Angaben beginnen die schriftlichen Aufzeichnungen des SPD-Ortsvereins Ober-Roden, etwa 500 handschriftlich gefüllte Protokollseiten in zwei Bänden aus den Jahren 1890-1929. Jahrzehntelang galten sie als verschollen. Erst Ende 1972 fanden sich diese unersetzlichen Dokumente für die örtliche Geschichte der Arbeiterbewegung durch einen Zufall wieder - auf dem Speicher der Bau- und Möbel-Schreinerei Rickert/Fecher, Erzbergerstraße 8. Der 1946 verstorbene Vorsitzende der SPD Ober-Rodens vor 1933, Franz Wunderlich, entzog sie so im Zusammenwirken mit dem Möbelschreiner Rickert dem Zugriff der Nazis. Das Versteck geriet in Vergessenheit. Ein Zufall hat die Protokolle zusammen mit mehreren ebenfalls versteckten Büchern wieder zutage gefördert; Franz Fecher, inzwischen Inhaber der Schreinerei, übergab sie wieder der SPD.
Zwar soll es in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also schon vor Erlass des Sozialistengesetzes, in Ober-Roden einen Lassalleanischen Arbeiterverein gegeben haben. Dies ist jedoch bis heute nicht dokumentarisch nachweisbar. Johann Baptist Hornung (genannt „Bach-Jean", 1882—1955) schreibt dazu in seinen 1947 verfassten Aufzeichnungen „Geschichte der Arbeiterbewegung von Ober-Roden": „Wenn auch die Saat, einmal von Lassalle ausgestreut, lange Zeit zum Aufblühen brauchte, so muss doch festgestellt werden, daß die Ideen von Lassalle es waren, die den Sieg über den im Jahr 1863 in Frankfurt gegründeten Verband Deutscher Arbeitervereine unter bürgerlichem Einschlag und der Mitführung Bebels davontragen konnten. Das Einsetzen geistiger Kämpfe reifte auch das in der Industrie tätige Proletariat, und es ist zu verzeichnen, dass sich, neben näher bei der Stadt gelegenen Orten, auch in Ober-Roden in der Leitung von Georg Mackert in den 70er Jahren ein Lassalleanischer Arbeiterverein gründete.
Leider sind von diesem Verein keine besonderen Kennzeichen mehr vorhanden, aber als Grundstein für die sozialdemokratische Bewegung muss das Bestehen dieses Vereins festgehalten werden. Als äußeres Zeichen des Zusammenhaltens der damals klassenerkennenden Arbeiter darf der von Arbeitern gegründete Gesangverein Harmonia genannt werden, der unter dem Zeichen der roten Fahne marschiert. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass aufgrund der immer mehr beschäftigten männlichen Arbeiter in Offenbach und Frankfurt sich die Gründung einer gesetzlichen Hilfskrankenkasse notwendig machte. Auch diese Gründung war das Verdienst von Georg Mackert, deren Vorsitzender er bis zur Auflösung und Ablösung durch die Reichs-Versicherungs-Ordnung im Jahr 1906 war." Dass es in Ober-Roden zum Zeitpunkt des Erlasses des „Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" vom 21.10.1878 sozialdemokratische Vereine bzw. Einrichtungen gegeben hat, dafür spricht auch der Hinweis, dass der im Gemeindearchiv Ober-Roden vorhandene Erlass des „Großherzoglichen Kreisamtes Dieburg an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises" vom 1.11.1878 den handschriftlichen Vermerk „12.11.78 erledigt" trägt. An anderer Stelle dieser Festschrift ist der im amtlichen Kreisblatt „Odenwälder Bote" vom 6.11.1878 veröffentlichte Erlass des Dieburger Kreisassessors Schönfeld in Reproduktion wiedergegeben.
Die Gründung des Wahlvereins von Ober-Roden fiel in eine bewegte politische Zeit. Zum Jahreswechsel beunruhigte der „Elberfelder Sozialistenprozess" die Öffentlichkeit. Im Februar besiegte der Sozialdemokrat Ulrich in der Stichwahl den Nationalliberalen Böhm und holte den Wahlkreis Offenbach-Dieburg für die Sozialdemokraten zurück; im Reich verdreifachten sich die sozialdemokratischen Sitze (1887: 11, 1890: 35 sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete). Im März legte die Internationale Arbeiterschutzkonferenz ihre Empfehlungen vor, um den schlimmsten Auswüchsen der Arbeiter-Ausbeutung, insbesondere der arbeitender Kinder, Jugendlicher und Frauen, entgegenzutreten. Im gleichen Monat kam es zur spektakulären Entlassung Bismarcks als Reichskanzler durch Wilhelm II. Im April wurde im Großherzogtum Hessen ein Gesetzentwurf zum Ausbau der Eisenbahnen vorgelegt, der auch die Einrichtung der Nebenstrecke Ober-Roden-Dreieichenhain vorsah. Gemäß Beschluss des internationalen Sozialistenkongresses 1889 in Paris sollte erstmals der 1. Mai 1890 als Demonstrationstag der internationalen Solidarität der Arbeiterschaft begangen werden. Fünfeinhalb Monate nach Gründung des hiesigen „Wahlvereins" fällt am 30.9.1890 das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie". Der „Wahlverein für volksthümliche Wahlen" von Ober-Roden nennt sich fortan „Sozialdemokratischer Wahlverein".
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