
Im Wahlkreis „Dunnerkeil" ist 1980 eine fast jahrhundertalte Tradition zu bewahren. In seiner alten Form besteht der Reichstags-Wahlkreis Offenbach/Dieburg zwar schon lange nicht mehr, aber weder Wahlkreis-Neugliederungen, noch die Auskreisung der Stadt Offenbach und auch keine Kreisreform unserer Tage haben das in gemeinsamer politischer Arbeit entstandene Zusammengehörigkeits-Bewusstsein der Sozialdemokraten dieses Raums hinfällig werden lassen. Dies ist der traditionsreichste sozialdemokratische Wahlkreis des ehemaligen Großherzogtums Hessen. Er umfasste Stadt und Kreis Offenbach sowie im wesentlichen den früheren Kreis Dieburg. In der Reichstagswahl 1881 wurde er erstmals von einem Sozialdemokraten, von Wilhelm Liebknecht, erobert, neben Ferdinand Lassalle und August Bebel die bedeutendste Kristallisations-Persönlichkeit der politischen Arbeiter-Organisation in Deutschland. Seitdem hat der bis dahin als national-liberale Domäne geltende Wahlkreis den Namen „Dunnerkeil". Der hessische Großherzog persönlich soll der Namensgeber gewesen sein, indem er sich mit diesem Kraftwort „Luft zu verschaffen" suchte, ob der Wahl eines Sozialdemokraten in seinem Großherzogtum. Das erste Verbot aller sozialdemokratischen Vereine und Einrichtungen war zu diesem Zeitpunkt gerade drei Jahre in Kraft und begann sich gegen seine Urheber zu richten. Bei den Reichstagswahlen 1884 wiederholte Wilhelm Liebknecht seinen Erfolg. Dies wäre nicht möglich gewesen ohne aufwendige und mühsame Überzeugungsarbeit, gerade im Dieburger Bereich. Carl Ulrich, späterer hessischer Staatspräsident, berichtet in seinen Lebenserinnerungen, unter welch schwierigen Bedingungen besonders im vorderen Odenwald für die Ziele der sozialdemokratischen Parteien gearbeitet werden musste. 1873 hatte er auf der Wanderschaft erstmals Bekanntschaft mit Offenbach gemacht, blieb dann ab August 1874 untrennbar mit Offenbach und Hessen verbunden. Um den Wahlkreis zu gewinnen, musste erreicht werden, dass der schon bei der Reichstagswahl 1877 bestehende deutliche sozialdemokratische Vorsprung in Stadt und Kreis Offenbach (7.298 Stimmen für Liebknecht, 5.600 Stimmen für den National-Liberalen Dernburg in der Stichwahl) nicht weiterhin durch die Ergebnisse im Kreis Dieburg ins Gegenteil verkehrt wurde. Carl Ulrich hatte entscheidenden Anteil daran, dass dies 1881 erstmals gelang. Der gelernte Eisendreher wirkte ab 1875 als Redakteur sozialdemokratischer Zeitungen, die in der Verbotszeit (1878-1890) mehrfach unter neuem Namen erscheinen mussten: zunächst als „Neue Offenbacher Tageszeitung", dann als „Offenbacher Tagesblatt" (1886 verboten), eine Zeitlang als „Offenbacher Sonntagsblatt" und schließlich als „Offenbacher Abendblatt", das bis zum zweiten Verbot der Sozialdemokratischen Partei 1933 bestanden hat. 1890 trat Carl Ulrich selbst als Kandidat der Sozialdemokraten im Wahlkreis „Dunnerkeil" an und siegte in der Stichwahl gegen den National-Liberalen Gustav Böhm mit über 2000 Stimmen Vorsprung. Damit wurde der Wahlkreis Offenbach-Dieburg sozialdemokratisches „Stammland". Hinzuzufügen ist, dass Wählerschichten in den ehemals Kurmainzischen Orten, also die katholisch orientierten Zentrumswähler, bei den regelmäßig erforderlichen Stichwahlen zwischen national-liberalen und sozialdemokratischen Kandidaten sich massenhaft für die Sozialdemokraten Liebknecht bzw. Ulrich entschieden haben. Da halfen keine anders orientierten Wahlaufrufe der Zentrumsführer, daran änderten auch Kanzel-Erklärungen nichts. Der Schock des „Kulturkampfes" (1871—1875) wirkte hier lange nach. Die National-Liberalen hatten die Repressalien gegen die katholische Kirche und ihre Einrichtungen — wenn auch vorwiegend auf das Königreich Preußen beschränkt — ebenso parlamentarisch gestützt wie in den Jahren 1878—1890 das brutale Verbot aller sozialdemokratischer Organisationen im Reich parlamentarisch zu verantworten. Das ließ zusammenrücken. Die örtlichen Ergebnisse der Reichstagswahlen 1877—1898 sind in diesem Zusammenhang recht interessant. Sie sind im folgenden erstmals zusammengestellt, soweit sie sich bisher haben ermitteln lassen.
Reichstagswahl 10.1.1877: Örtliche Ergebnisse des ersten Wahlgangs konnten bisher noch nicht ermittelt werden. Die örtlichen Ergebnisse der Stichwahl sind jedoch überrraschend. Der Wahlkreis ging trotz hohen sozialdemokratischen Vorsprungs in Stadt und Kreis Offenbach an den Redakteur der Nationalzeitung, den National-Liberalen Dernburg.
Reichstagswahl 30.7.1878: In dieser Stichwahl konnte Dernburg den Wahlkreis mit knappen 597 Stimmen nochmals behaupten. Der erstmals mögliche örtliche Vergleich zwischen beiden Wahlgängen dieser Reichstagswahl belegt, dass die katholischen Wähler des ersten Wahlgangs für den Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht votiert haben.
Reichstagswahl 27.10.1881: Erstmals in dieser Reichstagswahl errang Wilhelm Liebknecht das Mandat als Sozialdemokrat in einem Reichstagswahlkreis des Großherzogtums Hessen, ein Ergebnis systematischer mühsamer politischer Überzeugungsarbeit gerade in den Gemeinden des vorderen Odenwalds, die bis dahin Hochburgen der National-Liberalen gewesen waren.
Reichstagswahl 28.10.1884: Wilhelm Liebknecht verteidigte das 1881 erstmals gewonnene Mandat. In der Reichtagswahl 1887 fiel es jedoch nochmals an die National-Liberalen.
Reichstagswahl 21.2.1887: Johann Baptist Hornung schreibt dazu in seiner 1947 verfassten „Geschichte der Arbeiterbewegung von Ober-Roden": „Ich erinnere mich noch an die Reichstagswahl 1887 (Faschingswahl, wo der alte Genosse Wilhelm Liebknecht in Ober-Roden, wie im ganzen Kreis, nicht reden durfte, er sich aber doch im überfüllten Wirtslokal — im heutigen „Schützenhof' — den Wählern vorstellte und in Unterhaltung redete. Am Schlusse überreichte er den Parteianhängern seine Photographie." Liebknecht unterlag Böhm und vertrat in den Jahren danach einen Wahlkreis der Stadt Berlin im Reichstag.
Reichstagswahl 20.2.1890: Erstmals gewann Carl Ulrich den Wahlkreis, den er jahrzehntelang im Reichstag für die Sozialdemokraten vertreten hat.
Besonderheiten dieser Wahl sind, dass Ulrich bereits im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit gewählt wurde, aber auch die Verdrängung der National-Liberalen im Wahlkreis auf Platz 3, bei Stärkung der Stellung des Centrums. Die Rückschläge der National-Liberalen korrespondieren mit der Entstehung und dem Anwachsen antisemitischer Kräfte, die erstmals 1893 mit einem eigenen Kandidaten zur Reichstagswahl im Wahlkreis aufgetreten sind. Zu den 13 Reichstagswahlen der Jahrzehnte 1871 bis zum Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 ist anzumerken, daß ausschließlich männliche Deutsche, die das 25. Lebensjahr vollendet hatten, wahlberechtigt waren. Personen, die aus öffentlichen Mitteln „Armen- Unterstützung" erhielten, blieben ebenfalls vom Wahlrecht ausgeschlossen (Ulrich schildert in seinen Lebenserinnerungen, wie in Offenbach städtisch beschäftigte Arbeiter noch in den 90er Jahren als Almosen-Empfänger klassifiziert worden sind, um ihnen das Wahlrecht vorzuenthalten). Die notwendige Einschreibung in das Wählerverzeichnis hatte tagsüber zu erfolgen und führte ebenso zu Verdiensteinbußen wie die Ausübung des Wahlrechts selbst — der Wahltag lag stets werktags.
In der Weimarer Republik war für die Reichstagswahlen ein reines Proporzsystem gültig. Das Reich war ein einziges Wahlgebiet, die Wahlkreise hatten nur den Charakter einer Regional-Gliederung zur besseren Ermittlung des Wahlergebnisses. Ganz Hessen-Darmstadt bildete einen solchen Wahlkreis, in dem (bei der Wahl zur Nationalversammlung 1919) 9 Abgeordnete zu wählen waren. Bis zum Jahr 1930 gehörte Carl Ulrich für Hessen-Darmstadt dem Reichstag an. An seine Stelle trat 1930 Heinrich Ritzel, 1949-1963 Bundestags-Abgeordneter des Wahlkreises Dieburg. Für den 1930 verstorbenen Dr. Eduard David, der seit 1903 Reichstagsmitglied und 1919 Präsident der Weimarer Nationalversammlung gewesen ist, rückte im Januar 1931 Wilhelm Weber, geboren 4.2.1876 in Ober-Roden, in den Reichstag nach. Dritter sozialdemokratischer Reichstags-Abgeordneter für den Wahlkreis Hessen-Darmstadt war ebenfalls seit 1930 Dr. Carlo Mierendorff, der in der Nazizeit lange Jahre in KZ-Haft und im Widerstand gegen das Hitler-Regime aktiv war.
Das Wahlverfahren in der Bundesrepublik Deutschland wurde als Mischverfahren von Verhältnis-Wahlrecht und Mehrheits-Wahlrecht konstruiert. Zwar findet auf Ebene der Bundesländer eine Verrechnung nach dem Verhältnis-Wahlrecht statt, die Hälfte der Bundestagsabgeordneten wird aber mit den sog. Erststimmen nach dem Mehrheits-Wahlrecht gewählt. So erstanden die alten Wahlkreise des Kaiserreichs neu, wenn auch in verändertem Zuschnitt.
Der alte Wahlkreis „Dunnerkeil" wurde zweigeteilt. Die Stadt Offenbach und der größere Teil des Kreises Offenbach wurden zusammengefasst (Wahlkreis Offenbach), zum anderen der Südost-Teil des Kreises Offenbach, der frühere Kreis Dieburg und neu hinzugefügt der Odenwaldkreis (Wahlkreis Dieburg). Beide Bundestags-Wahlkreise sind in Wahrung der „Dunnerkeil"-Tradition sozialdemokratisches Stammland geblieben. 1961—1969 vertrat der spätere hessische Sozialminister Dr. Horst Schmidt den Wahlkreis Offenbach, seit 1972 war Manfred Coppik dort direkt gewählter Bundestags-Abgeordneter. Im Wahlkreis Dieburg, dem wir zugehören, war bis 1963 Heinrich Ritzel direkt gewählter Abgeordneter, 1963 bis 1976 Willi Bäuerle, nach 1976 unser früherer Landrat des Kreises Dieburg, Heinrich Klein.