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99 Jahre Wahlkreis(e) "Dunnerkeil"

Die Reichstagswahlen von 1884 bis 1890

Reichstagswahl 28.10.1884: Wilhelm Liebknecht verteidigte das 1881 erstmals gewonnene Mandat. In der Reichtagswahl 1887 fiel es jedoch nochmals an die National-Liberalen.
Reichstagswahl 21.2.1887: Johann Baptist Hornung schreibt dazu in seiner 1947 verfassten „Geschichte der Arbeiterbewegung von Ober-Roden": „Ich erinnere mich noch an die Reichstagswahl 1887 (Faschingswahl, wo der alte Genosse Wilhelm Liebknecht in Ober-Roden, wie im ganzen Kreis, nicht reden durfte, er sich aber doch im überfüllten Wirtslokal — im heutigen „Schützenhof' — den Wählern vorstellte und in Unterhaltung redete. Am Schlusse überreichte er den Parteianhängern seine Photographie." Liebknecht unterlag Böhm und vertrat in den Jahren danach einen Wahlkreis der Stadt Berlin im Reichstag.
Reichstagswahl 20.2.1890: Erstmals gewann Carl Ulrich den Wahlkreis, den er jahrzehntelang im Reichstag für die Sozialdemokraten vertreten hat.

Die Reichstagswahl von 1898

Besonderheiten dieser Wahl sind, dass Ulrich bereits im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit gewählt wurde, aber auch die Verdrängung der National-Liberalen im Wahlkreis auf Platz 3, bei Stärkung der Stellung des Centrums. Die Rückschläge der National-Liberalen korrespondieren mit der Entstehung und dem Anwachsen antisemitischer Kräfte, die erstmals 1893 mit einem eigenen Kandidaten zur Reichstagswahl im Wahlkreis aufgetreten sind. Zu den 13 Reichstagswahlen der Jahrzehnte 1871 bis zum Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 ist anzumerken, daß ausschließlich männliche Deutsche, die das 25. Lebensjahr vollendet hatten, wahlberechtigt waren. Personen, die aus öffentlichen Mitteln „Armen- Unterstützung" erhielten, blieben ebenfalls vom Wahlrecht ausgeschlossen (Ulrich schildert in seinen Lebenserinnerungen, wie in Offenbach städtisch beschäftigte Arbeiter noch in den 90er Jahren als Almosen-Empfänger klassifiziert worden sind, um ihnen das Wahlrecht vorzuenthalten). Die notwendige Einschreibung in das Wählerverzeichnis hatte tagsüber zu erfolgen und führte ebenso zu Verdiensteinbußen wie die Ausübung des Wahlrechts selbst — der Wahltag lag stets werktags.

Wahlkreise in der Weimarer Republik

In der Weimarer Republik war für die Reichstagswahlen ein reines Proporzsystem gültig. Das Reich war ein einziges Wahlgebiet, die Wahlkreise hatten nur den Charakter einer Regional-Gliederung zur besseren Ermittlung des Wahlergebnisses. Ganz Hessen-Darmstadt bildete einen solchen Wahlkreis, in dem (bei der Wahl zur Nationalversammlung 1919) 9 Abgeordnete zu wählen waren. Bis zum Jahr 1930 gehörte Carl Ulrich für Hessen-Darmstadt dem Reichstag an. An seine Stelle trat 1930 Heinrich Ritzel, 1949-1963 Bundestags-Abgeordneter des Wahlkreises Dieburg. Für den 1930 verstorbenen Dr. Eduard David, der seit 1903 Reichstagsmitglied und 1919 Präsident der Weimarer Nationalversammlung gewesen ist, rückte im Januar 1931 Wilhelm Weber, geboren 4.2.1876 in Ober-Roden, in den Reichstag nach. Dritter sozialdemokratischer Reichstags-Abgeordneter für den Wahlkreis Hessen-Darmstadt war ebenfalls seit 1930 Dr. Carlo Mierendorff, der in der Nazizeit lange Jahre in KZ-Haft und im Widerstand gegen das Hitler-Regime aktiv war.

Das Wahlverfahren in der Bundesrepublik Deutschland

Das Wahlverfahren in der Bundesrepublik Deutschland wurde als Mischverfahren von Verhältnis-Wahlrecht und Mehrheits-Wahlrecht konstruiert. Zwar findet auf Ebene der Bundesländer eine Verrechnung nach dem Verhältnis-Wahlrecht statt, die Hälfte der Bundestagsabgeordneten wird aber mit den sog. Erststimmen nach dem Mehrheits-Wahlrecht gewählt. So erstanden die alten Wahlkreise des Kaiserreichs neu, wenn auch in verändertem Zuschnitt.

Der alte Wahlkreis "Dunnerkeil"

Der alte Wahlkreis „Dunnerkeil" wurde zweigeteilt. Die Stadt Offenbach und der größere Teil des Kreises Offenbach wurden zusammengefasst (Wahlkreis Offenbach), zum anderen der Südost-Teil des Kreises Offenbach, der frühere Kreis Dieburg und neu hinzugefügt der Odenwaldkreis (Wahlkreis Dieburg). Beide Bundestags-Wahlkreise sind in Wahrung der „Dunnerkeil"-Tradition sozialdemokratisches Stammland geblieben. 1961—1969 vertrat der spätere hessische Sozialminister Dr. Horst Schmidt den Wahlkreis Offenbach, seit 1972 war Manfred Coppik dort direkt gewählter Bundestags-Abgeordneter. Im Wahlkreis Dieburg, dem wir zugehören, war bis 1963 Heinrich Ritzel direkt gewählter Abgeordneter, 1963 bis 1976 Willi Bäuerle, nach 1976 unser früherer Landrat des Kreises Dieburg, Heinrich Klein.

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