

Der Anteil der in Industrie und Gewerbe Beschäftigten betrug 1861 in Urberach 42,2%, was erklärt, dass es schon 1868 einen Arbeiterverein gegeben haben soll. Für die Parteiorganisation gibt es bisher für die Zeit vor den Sozialistengesetzen keine Nachweise. Anders als für Ober Roden, für die schon 1871 ein Mitglied dem Wahlkomitee der Sozialistischen Arbeiterpartei zur Reichstagswahl angehörte, fehlen für Urberach solche Zeugnisse. Doch ist bekannt, dass in den 80er Jahren Wilhelm Liebknecht auch in Urberach auf Versammlungen sprach und es hier Sozialdemokraten gab. Zur Reichstagswahl 1890 hielt Galm (Seligenstadt) in Urberach eine Wählerversammlung ab. Nach 1890 bestand schon ein Wahlverein, der Delegierte zu den Landeskonferenzen in Friedberg 1892 und in Offenbach 1894 entsandte. Auch gibt es Hinweise auf Veranstaltungen dieses Wahlvereins in 1894. Urberach war zu dieser Zeit bis auf wenige jüdische Familien eine rein katholische Gemeinde. Das hinderte die Urberacher aber nicht, schon früh Sozialdemokraten zu wählen.
Sie wählten bei Reichstagswahlen seit 1877 im ersten Wahlgang zwar stets den katholischen Kandidaten, im zweiten Wahlgang konnte aber Wilhelm Liebknecht den größeren Teil der Stimmen für sich verbuchen. Auch Carl Ulrich, dem Nachfolger Liebknechts als Wahlkreis-Kandidat, gelang dies ab 1890. Ludwig Rink berichtete in einem Rückblick, dass sogar der Geistliche am Ort von der Kanzel zur Wahl von Liebknecht aufgerufen hätte. Urberach, 1874 noch landwirtschaftlich orientiert, mit einem starken Anteil von Handwerksberufen, insbesondere Häfner, wandelte sich in den folgenden zwanzig Jahren zu einer Gemeinde, in der jeder 5. Wahlberechtigte seinen Unterhalt als Fabrikarbeiter verdiente. Die Fabrikarbeiter brachten von ihren Arbeitsplätzen und aus den Arbeiter-Bildungsvereinen die Gedanken an eine sozialistische Veränderung ihrer Verhältnisse mit auf das Dorf. Am 6. September 1896 sprach im Gasthaus "Zur Sonne" der spätere bayrische Landtags- und Reichstags-Abgeordnete, der Schuhmacher Josef Simon aus Offenbach. Das Offenbacher Abendblatt berichtet: "... Er forderte die Anwesenden auf, auch hier einen Arbeiter-Verein zu gründen, um ein Glied in der Kette der Arbeiterbewegung zu bilden ... Eine in diesem Sinne vorgeschlagene Resolution wurde einstimmig angenommen ... Nach Schluß der Versammlung ließen sich sofort circa 50 Genossen in die Liste zur Gründung des Vereins einzeichnen. Derselbe will nächsten Sonntag seine erste Versammlung abhalten und die Vorstandswahl vornehmen. Möge er blühen und gedeihen und unsere gerechte Sache in jeder Beziehung in unserem Orte vertreten. M. W." Von den bekannten Gründungs-Mitgliedern waren 20 Fabrikarbeiter, zwei Handwerker und einer Landwirt. Erster Vorsitzender wurde Karl Georg Rink, treibende Kraft der weiteren Entwicklung des Vereins und später Sekretär der Kreisorganisation. Die Gründung des Ortsvereins führte zu Streit in der Einwohnerschaft. So wurden Wirte, die das Offenbacher Abendblatt an Kirchweih (damals im Oktober) auslegten, bedroht.