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1898-1908: Die ersten Wahlen für den Ortsverein Urberach

Das vereinigte Bürgertum gegen die Sozialdemokraten

Das Jahr 1903 brachte den Sozialdemokraten im Wahlkreis bei der Wahl zum Reichstag im Juni eine unerwartete Niederlage. Während im Reich die Partei ihren Stimmanteil steigern konnte, büßte Carl Ulrich sein Mandat ein. Er verlor in der Stichwahl gegen den National-Liberalen Becker. Entscheidend für diese Niederlage war die Einigung des gesamten bürgerlichen Lagers, einschließlich des Zentrums, gegen die Sozialdemokraten. Die Wahlkampf-Taktik der bürgerlichen Parteien veranschaulicht ein Wahlaufruf des Zentrums: "Auf zur Stichwahl und zwar für den Kandidaten der vereinigten bürgerlichen Parteien, Herrn Dr. Becker. Dazu drängt uns die Liebe zu unserem deutschen Vaterland, das Verlangen nach ruhigen und friedlichen Verhältnissen in unserem Kreise, die Treue zu unserer Religion, die zur Zeit in der Sozialdemokratie den grimmigsten und gefährlichsten Feind erblicken muß ... Nieder mit der Sozialdemokratie und ihrem unerträglichen Terrorismus."

Der erste Sieg bei Kommunalwahlen

Den ersten großen Sieg bei Kommunalwahlen erreichten die Sozialdemokraten am 24. September 1904. Vier neue Gemeinderäte mussten gewählt werden. Drei Kandidaten der Sozialdemokraten schafften den Sprung in den Gemeinderat: Valentin Braun II, Karl Georg Rink und Martin Schwab II. Die Wahl wurde angefochten, sodass um den vierten Platz eine Stichwahl stattfinden musste. Am 23. Februar 1905 siegte der Sozialdemokrat Martin Schwab über den Kandidaten des Zentrums Michael Lang II. Damit hatten die Sozialdemokraten jetzt vier der neun Gemeinderatssitze inne.

Carl Ulrich gewinnt Wahlkreis zurück

Das Jahr 1907 brachte eine vorzeitige Neuwahl des Reichstags. Das Zentrum hatte sich aus dem Block mit Konservativen und National-Liberalen gelöst.In der Debatte um die deutsche Kolonialpolitik und den Einsatz deutscher Schutztruppen in Deutsch-Südwest-Afrika hatte Kanzler Bülow keine Mehrheit mehr. So schien ihm eine Reichstags-Auflösung die bessere Lösung. Die Sozialdemokraten gingen hoffnungsfreudig in den Wahlkampf. Sie glaubten, dass nach ihrer Propaganda gegen das Verhalten der Schutztruppen ihre Parole "Diesem System keinen Mann und keinen Groschen" populär sei. Sie übersahen die nationalistische Begeisterung. In der sogenannten Hottentotten-Wahl verloren sie von 81 Abgeordnetenmandaten 38. Wieder in den Reichstag zog allerdings Carl Ulrich ein. In Urberach erreichten der Kandidat des Zentrums und Ulrich die gleiche Stimmenzahl. In der Stichwahl blieben die meisten Zentrumswähler zuhause. Sie wollten weder den Sozialdemokraten unterstützen, noch sich für die Kolonialpolitik der Regierung entscheiden, gegen die ihre Partei ebenfalls stand.

Alle Kandidaten der Sozialdemokratie gewählt

Die Gemeinderatswahlen 1907 bestätigten eindruckvoll den Sieg von 1904. Die drei Sozialdemokraten schlugen ihre Gegner vom Zentrum knapp. Bei einer Wahlbeteiligung von 97% wurde Michael Frank V. neu in den Gemeinderat gewählt. Die beiden anderen, Martin Schwab und Michael Deller, waren schon Mitglieder des Gemeinderats. Eine nun mögliche Mehrheit im Gemeinderat wurde aber durch den Übertritt von Michael Frank zum Zentrum verhindert. Es blieb beim 5:4 für das Zentrum.

Der Vorstand im Jahre 1908

Am 15. Mai 1908 wurde im Reichstag ein neues Vereinsgesetz verabschiedet. Jetzt durften auch Frauen zu politischen Vereinen und Versammlungen zugelassen werden. Jugendlichen bis 18 Jahren war dies verwehrt. Insofern verschlechterte das neue Gesetz die Organisations-Möglichkeiten. Zudem mussten sich alle Vereine mit Angabe ihres Vorstands und der Satzung beim Großherzoglichen Kreisamt anmelden. Den Sozialdemokratischen Verein Urberach vertraten damals: 1. Vorsitzender Aloys Ludwig Rink, 2. Vorsitzender Michael Kurt Lötz, Kassierer Michael Faust, Schriftführer Adam Lang, Beisitzer Adam Wolfenstädter, Valentin Braun, Valentin Hain. Rink, wirklich hieß er Aloys Georg, wurde aber von allen Ludwig genannt, wurde später einer der führenden Sozialdemokraten im Kreis Dieburg. Er war der Bruder des ersten Vorsitzenden der Sozialdemokraten in Urberach, Karl Georg Rink. Adam Lang wurde der führende Sozialdemokrat nach dem ersten Weltkrieg in Urberach und Mitglied des Hessischen Landtags. Adam Wolfenstädter war der erste Vorsitzende nach dem 1. Weltkrieg und Kreistagsmitglied. Die Maifeier hatte jetzt Tradition. Morgens traf man sich nach einem Spaziergang mit den Genossen aus Ober-Roden und Eppertshausen auf der Thomashütte. Dort wurde ein Vortrag gehalten, dem manchmal über 1000 Zuhörer lauschten. Nachmittags fanden dann in jeder Ortschaft Umzüge statt, an deren Ende jeweils ein auswärtiger Genosse die Mairede hielt. An dem Umzug in Urberach nahmen in der Regel mehrere hundert Personen teil. Im August, kurz vor einer Kreiskonferenz, diskutierte der Ortsverein die Budgetfrage: "Sollen Sozialdemokraten in den Parlamenten den Haushalten zustimmen oder sie prinzipiell ablehnen?" Entzündet hatte sich die Diskussion an der Haltung der badischen Partei, die dem dortigen Haushalt zugestimmt hatte. Ludwig Rink und Adam Lang erläuterten den "Klassenkampf-Charakter der Partei", der eine Zustimmung zu einem Haushalt verbiete. Heinrich Wolfenstädter setzte als Delegierter der Landeskonferenz dort mit anderen die Meinung des Ortsvereins durch: "... daß dem heutigen kapitalistischen Klassenstaate alle Mittel zu verweigern sind".

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