

Das Jahr 1898 brachte für den Ortsverein die erste Bewährungsprobe. Im Juni 1898 wurde ein neuer Reichstag gewählt. Carl Ulrich konnte im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit im Wahlkreis erringen und zog wieder als Abgeordneter in den Reichstag ein. Sechs Wochen später wählten die Urberacher erneut, diesmal vier neue Gemeinderäte. Die Sozialdemokraten hatten insgesamt vier Kandidaten aufgestellt. Von den Sozialdemokraten wurde einer gewählt: Michael Deller, Fabrikarbeiter, mit 140 Stimmen. Während in früheren Jahren die Wahlbeteiligung 40 - 60 % betrug, wählten diesmal 85,5 % der Wahlberechtigten. Das Auftreten der Sozialdemokraten hatte zu einer enormen Mobilisierung geführt und zu einer Polarisierung zwischen Sozialdemokraten und Zentrum, was sich bis 1914 noch verstärkte. Für die Sozialdemokraten war die Wahl ein großer Erfolg, zumal viele ihrer Wähler, die auswärts arbeiteten, zur Wahl unter Lohneinbußen nach Urberach kommen mussten. Daher setzten sich die Sozialdemokraten immer wieder für eine Änderung des (Werktag)-Wahltermins ein, was erst 1919 generell gelang. Das wichtigste Agitationsmittel neben dem Offenbacher Abendblatt waren zu dieser Zeit öffentliche Versammlungen. Eine Versammlung mit weniger als hundert Besuchern galt als schlecht besucht. Da durch schlechte Verkehrsbedingungen auswärtige Referenten nur selten auf die Dörfer kamen, war die Partei auf einheimische Referenten angewiesen.
Ein Großereignis mit mehr als 4000 Besuchern war die Fahnenweihe des Ortsvereins 1901. Ludwig Rink schreibt dazu: "Nach langem Bemühen gab der Gastwirt Emil Mickler seinen gepachteten Pfarracker links der Wilhelm-Leuschner-Straße der Partei als Festplatz. Das brachte die Kirche und die Zentrumspartei in große Aufregung. Man versuchte alles, um dies zu verhindern, sogar das Gericht sollte einschreiten. Es half alles nichts. Der Pfarracker wurde Festplatz der Sozialdemokratischen Partei in Urberach". Festredner war ein Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der Reichstags-Abgeordnete Singer aus Berlin. Die Gemeinderatswahl 1901 wurde von der SPD wegen der numerierten Stimmzettel erfolgreich angefochten. Die Wiederholungs-Wahl am 12. Dezember brachte aber nicht den gewünschten Erfolg. Die Sozialdemokraten konnten ihren Stimmenanteil verbessern, doch alle drei Zentrums-Kandidaten lagen knapp vor ihnen. Somit blieb Michael Deller der einzige sozialdemokratische Gemeinderat. Neben Fragen wie Verpachtung des Gemeindelands, Fasel-Tierhaltung, Beschaffung einer Waage usw. waren von den Gemeinderäten zu jener Zeit auch Stellungnahmen gefordert zu Projekten, die auch heute wieder die Parlamentarier beschäftigen. So forderte eine Volksversammlung im Februar 1898 den Weiterbau der Eisenbahnstrecke Offenbach - Dietzenbach bis Messel über Urberach. Auch Fragen der Wasserversorgung spielten eine große Rolle; Urberach hatte nur drei öffentliche Brunnen. Die größten Auseinandersetzungen fanden aber statt, wenn es um die Kirchenrenovierung oder andere Fragen der Kirchenbaulast ging. Pfarrer Johannis mischte sich, ebenso wie sein Kollege Dockendorf in Ober Roden, in die Tagespolitik ein. Beide benutzten ihr Amt dazu, die Sozialdemokraten von der Kanzel anzugreifen, sie zu diffamieren, ihnen mit der Verweigerung der Einsegnung oder der Absolution zu drohen. In einem solchen Klima kam es des öfteren zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, deren unrühmlicher Höhepunkt die Neujahrsnacht 1901 war, als das Gasthaus Rink von einer Gruppe Randalierer zerstört wurde. Vor dem Darmstädter Landgericht wurden mehrere Angeklagte zu Gefängnisstrafen verurteilt. Aufgrund dieses Vorfalls bekam Urberach nun eine Polizeidienerstelle. Die konnte aber nicht verhindern, daß es auch weiterhin zu Auseinandersetzungen kam. Kurz danach fand die Wahl des Bürgermeisters und des Beigeordneten statt. Die Sozialdemokraten stellten, wie beschlossen, keinen eigenen Kandidaten auf und empfahlen Nichtbeteiligung an der Wahl. So gingen insgesamt von 327 Wahlberechtigten nur 230 zur Urne. Auf den bisherigen Bürgermeister Lötz entfielen 201 Stimmen. Vier Wochen später, am 13. Februar 1902, zur Beigeordnetenwahl, erschienen sogar nur 154 Ortsbürger. Alle Stimmen entfielen auf den bisherigen Amtsinhaber Michael Valentin Gensert. Die Urberacher Genossen waren im Wahlkreis sehr rührig. So war Urberach der Sitz der Agitations-Kommission für den vorderen Odenwald. Das hieß, dass die Urberacher Flugblätter und anderes Werbematerial per Fahrrad in den vorderen Odenwald schafften. Einzelne Genossen wurden auch in übergeordnete Gremien gewählt. Im Vorstand des 15. Landtags-Wahlbezirks waren zwei Urberacher vertreten (Rink und Schwarzkopf). Karl Rink war auch Delegierter beim Parteitag in München. Neben ungünstigen Wahlterminen konnten noch andere Maßnahmen verhindern, dass sozialdemokratische Wähler zur Wahl gingen. Eine andere Methode war die Heraufsetzung des Bürgerrechts-Gelds, das zahlen musste, wer Ortsbürger und damit Kommunalwähler werden wollte. So hob die Mehrheit des Ortsparlaments das Bürgerrechts-Geld im August 1902 auf 300 Mark an. Begründung: Abwehr des Zuzugs von Bettelzeug. 300 Mark waren etwa der Jahresverdienst eines Hilfsarbeiters. Eine Frage, die die Bürgerschaft Urberachs im Jahre 1902 ebenfalls bewegte, war der Standort des neuen Bahnhofs. Auf einer Bürgerversammlung sprach der Landtags-Abgeordnete Cramer zu dieser Frage. Die Sozialdemokraten sammelten 700 Unterschriften für den Bahnhofs-Standort an der Dietzenbacher Straße. Dies hätte aufgrund der kürzeren Wegstrecke nach Frankfurt Fahrgeld eingespart. Außerdem wäre die Anbindung an Dietzenbach leichter gewesen. Der Gemeinderat sprach sich aber mit 5:4 Stimmen für den heutigen Standort aus.
Das Jahr 1903 brachte den Sozialdemokraten im Wahlkreis bei der Wahl zum Reichstag im Juni eine unerwartete Niederlage. Während im Reich die Partei ihren Stimmanteil steigern konnte, büßte Carl Ulrich sein Mandat ein. Er verlor in der Stichwahl gegen den National-Liberalen Becker. Entscheidend für diese Niederlage war die Einigung des gesamten bürgerlichen Lagers, einschließlich des Zentrums, gegen die Sozialdemokraten. Die Wahlkampf-Taktik der bürgerlichen Parteien veranschaulicht ein Wahlaufruf des Zentrums: "Auf zur Stichwahl und zwar für den Kandidaten der vereinigten bürgerlichen Parteien, Herrn Dr. Becker. Dazu drängt uns die Liebe zu unserem deutschen Vaterland, das Verlangen nach ruhigen und friedlichen Verhältnissen in unserem Kreise, die Treue zu unserer Religion, die zur Zeit in der Sozialdemokratie den grimmigsten und gefährlichsten Feind erblicken muß ... Nieder mit der Sozialdemokratie und ihrem unerträglichen Terrorismus."
Den ersten großen Sieg bei Kommunalwahlen erreichten die Sozialdemokraten am 24. September 1904. Vier neue Gemeinderäte mussten gewählt werden. Drei Kandidaten der Sozialdemokraten schafften den Sprung in den Gemeinderat: Valentin Braun II, Karl Georg Rink und Martin Schwab II. Die Wahl wurde angefochten, sodass um den vierten Platz eine Stichwahl stattfinden musste. Am 23. Februar 1905 siegte der Sozialdemokrat Martin Schwab über den Kandidaten des Zentrums Michael Lang II. Damit hatten die Sozialdemokraten jetzt vier der neun Gemeinderatssitze inne.
Das Jahr 1907 brachte eine vorzeitige Neuwahl des Reichstags. Das Zentrum hatte sich aus dem Block mit Konservativen und National-Liberalen gelöst.In der Debatte um die deutsche Kolonialpolitik und den Einsatz deutscher Schutztruppen in Deutsch-Südwest-Afrika hatte Kanzler Bülow keine Mehrheit mehr. So schien ihm eine Reichstags-Auflösung die bessere Lösung. Die Sozialdemokraten gingen hoffnungsfreudig in den Wahlkampf. Sie glaubten, dass nach ihrer Propaganda gegen das Verhalten der Schutztruppen ihre Parole "Diesem System keinen Mann und keinen Groschen" populär sei. Sie übersahen die nationalistische Begeisterung. In der sogenannten Hottentotten-Wahl verloren sie von 81 Abgeordnetenmandaten 38. Wieder in den Reichstag zog allerdings Carl Ulrich ein. In Urberach erreichten der Kandidat des Zentrums und Ulrich die gleiche Stimmenzahl. In der Stichwahl blieben die meisten Zentrumswähler zuhause. Sie wollten weder den Sozialdemokraten unterstützen, noch sich für die Kolonialpolitik der Regierung entscheiden, gegen die ihre Partei ebenfalls stand.
Die Gemeinderatswahlen 1907 bestätigten eindruckvoll den Sieg von 1904. Die drei Sozialdemokraten schlugen ihre Gegner vom Zentrum knapp. Bei einer Wahlbeteiligung von 97% wurde Michael Frank V. neu in den Gemeinderat gewählt. Die beiden anderen, Martin Schwab und Michael Deller, waren schon Mitglieder des Gemeinderats. Eine nun mögliche Mehrheit im Gemeinderat wurde aber durch den Übertritt von Michael Frank zum Zentrum verhindert. Es blieb beim 5:4 für das Zentrum.
Am 15. Mai 1908 wurde im Reichstag ein neues Vereinsgesetz verabschiedet. Jetzt durften auch Frauen zu politischen Vereinen und Versammlungen zugelassen werden. Jugendlichen bis 18 Jahren war dies verwehrt. Insofern verschlechterte das neue Gesetz die Organisations-Möglichkeiten. Zudem mussten sich alle Vereine mit Angabe ihres Vorstands und der Satzung beim Großherzoglichen Kreisamt anmelden. Den Sozialdemokratischen Verein Urberach vertraten damals: 1. Vorsitzender Aloys Ludwig Rink, 2. Vorsitzender Michael Kurt Lötz, Kassierer Michael Faust, Schriftführer Adam Lang, Beisitzer Adam Wolfenstädter, Valentin Braun, Valentin Hain. Rink, wirklich hieß er Aloys Georg, wurde aber von allen Ludwig genannt, wurde später einer der führenden Sozialdemokraten im Kreis Dieburg. Er war der Bruder des ersten Vorsitzenden der Sozialdemokraten in Urberach, Karl Georg Rink. Adam Lang wurde der führende Sozialdemokrat nach dem ersten Weltkrieg in Urberach und Mitglied des Hessischen Landtags. Adam Wolfenstädter war der erste Vorsitzende nach dem 1. Weltkrieg und Kreistagsmitglied. Die Maifeier hatte jetzt Tradition. Morgens traf man sich nach einem Spaziergang mit den Genossen aus Ober-Roden und Eppertshausen auf der Thomashütte. Dort wurde ein Vortrag gehalten, dem manchmal über 1000 Zuhörer lauschten. Nachmittags fanden dann in jeder Ortschaft Umzüge statt, an deren Ende jeweils ein auswärtiger Genosse die Mairede hielt. An dem Umzug in Urberach nahmen in der Regel mehrere hundert Personen teil. Im August, kurz vor einer Kreiskonferenz, diskutierte der Ortsverein die Budgetfrage: "Sollen Sozialdemokraten in den Parlamenten den Haushalten zustimmen oder sie prinzipiell ablehnen?" Entzündet hatte sich die Diskussion an der Haltung der badischen Partei, die dem dortigen Haushalt zugestimmt hatte. Ludwig Rink und Adam Lang erläuterten den "Klassenkampf-Charakter der Partei", der eine Zustimmung zu einem Haushalt verbiete. Heinrich Wolfenstädter setzte als Delegierter der Landeskonferenz dort mit anderen die Meinung des Ortsvereins durch: "... daß dem heutigen kapitalistischen Klassenstaate alle Mittel zu verweigern sind".