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1910-1914: Die Vorkriegszeit

Selbsthilfe zur Linderung der Not

Neben der politischen und gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter wurde eine Reihe von Selbsthilfeorganisationen zur Sicherstellung elementarer Bedürfnisse gegründet. Die bekannteste ist die Konsum-Genossenschaft. Im Jahre 1912 wurde in Urberach der erste Laden, in dem heutigen Haus Konrad-Adenauer-Straße 11, eingerichtet. Erster Filialleiter wurde Adam Lang II. Adam Lang war auch lange Jahre Vorsitzender der Kohlenkasse Urberach, die den Winterbrand preisgünstig zu beschaffen hatte. Im Konsum wurde man als Mitglied zweifach am Gewinn beteiligt. Einmal wurde auf den Geschäftsanteil ein Zins gezahlt, den die Konsumgenossen jährlich festlegten. Zum zweiten erhielten Mitglieder auf die Waren noch einen Rabatt, der ebenfalls von der Genossenschafts-Versammlung festgesetzt wurde. Durch Großeinkäufe und Verhandlungen mit ortsansässigen Metzgern und Bäckern konnte die Genossenschaft ihren Mitgliedern preiswert Lebensmittel anbieten. Die Kohlenkasse hatte unter ihrem Vorsitzenden Michael Deller 1906 erst 86 Mitglieder. 1916 waren es 220, und der Umsatz betrug 8.400 Mark = 4.800 Zentner Kohlen und Briketts. Größte Selbsthilfeorganisation Urberachs war 1910 der Sanitätsverein mit 343 Versicherten. Er übernahm Kosten, die den Mitgliedern durch Krankheit entstanden, und verhandelte mit Ärzten über Honorare. Apotheker-Rechnungen machten den größten Teil der Ausgaben aus, weshalb die Sozialdemokraten auch die Kommunalisierung der Apotheken forderten. Der Sanitätsverein bestand neben der Ortskrankenkasse: das Selbstbewußtsein der Arbeiter-Organisationen war durch ihre vielfältigen Aktivitäten so gewachsen, dass sie die Bevormundung durch den ihnen verhassten Staat ablehnten. Die sozialdemokratische Partei befand sich nach den Reichstagswahlen weiter im Aufwind. Ihre Mitgliederzahl wuchs 1912 auf 186. Auch konnte sie viele ihrer Vorstellungen im Gemeinderat durchsetzen, wie die Abschaffung des Akkordlohns bei Gemeindearbeitern und eine verbesserte Versorgung durch Ausbau des Gaswerks Ober Roden.

Der erste Sozialdemokrat im Kreistag Dieburg

Die Kreistage im Großherzogtum Hessen waren keine demokratisch gewählten Parlamente. Entsprechend der Kreisordnung von 1874 setzten sie sich zusammen aus einem Drittel der 50 Höchstbesteuerten und zwei Dritteln der Bevollmächtigten der Gemeindevorstände. Bis 1911 hatte der Kreistag Dieburg 18 Mitglieder. Die 50 Höchstbesteuerten wählten 6 Mitglieder. Unter diesen 50 befanden sich auch vier aus Urberach mit Namen Bloch, die Besitzer der Firma Bloch und Hirsch, sowie die Firma selbst, die ebenfalls wählen konnte. Ab 1911 umfasste der Kreistag Dieburg 21 Mitglieder. Urberach bildete zusammen mit Ober Roden, Messenhausen, Eppertshausen und Nieder Roden den 2. Wahlbezirk. Die Wahlzeit der Mitglieder betrug sechs Jahre. Nach den ersten drei Jahren, also 1913, musste die Hälfte ausscheiden. Da Altbürgermeister Lötz in der Zwischenzeit gestorben war, wurde im 2. Bezirk neu gewählt. Das Wahlergebnis: Mit Ludwig Rink zog zum ersten Mal ein Sozialdemokrat in den Kreistag Dieburg ein. Sein erster Antrag, der am 9. Juli 1914 mit allen Stimmen, außer seiner eigenen, abgelehnt wurde, forderte die Gründung eines Fonds zum Bau eines Kreiskrankenhauses. Während des Krieges kam das politische Leben nahezu zum Erliegen. Die sozialdemokratische Partei war in Urberach innerhalb von knapp zwanzig Jahren zur politisch stärksten Kraft geworden. Die Arbeiterbewegung hatte sich zahlreiche gut funktionierende Organisationen geschaffen, die halfen, ihren Kampf um gerechte Teilhabe an den produzierten Gütern, ihre politische Emanzipation und die gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben zu bestehen. Diese dynamische Entwicklung wurde auch in Urberach durch den 1. Weltkrieg gestoppt. Sie sollte sich in dieser Form nicht mehr wiederholen.

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