
Mit der Bürgermeisterwahl am 27.8.1910 begann eine Periode, in der sich die Sozialdemokraten in Urberach als stärkste politische Kraft endgültig durchsetzten. Innerhalb von zehn Monaten waren insgesamt sechs Wahlkämpfe zu bestreiten, die die Gemüter im Ort aufs höchste reizten. Entsprechend ihren Beschlüssen stellten die Sozialdemokraten keinen eigenen Bürgermeister-Kandidaten auf, beschlossen jedoch, einen bürgerlichen, "linksliberalen" Kandidaten, Georg Neidhardt, zu unterstützen. Diese Haltung führte in den Parteiblättern zu einer heftigen Auseinandersetzung, in der Karl Rink die Haltung der Urberacher damit begründet, daß die Urberacher Sozialdemokraten auf jeden Fall den bisherigen Bürgermeister abwählen wollten. Bei der Wahl eines Sozialdemokraten (und der folgenden Nichtbestätigung durch die Regierung) wäre der alte Bürgermeister, Valentin Jakob Lötz, laut Ludwig Rink "ein Mann mit wenig Wissen und Klugheit", weitere drei Jahre im Amt geblieben, und das galt es zu verhindern. Zur Wahl waren acht Gendarmen angereist. Dies empfanden viele Sozialdemokraten als Provokation. Von 416 Wahlberechtigten gingen am 24. August 406 zur Wahl. Lötz erhielt 194 Stimmen, Neidhardt 211. Die Wahlanfechtung des Zentrums wies der Kreisausschuss zurück, doch der Rekurs beim Provinzialausschuss hatte Erfolg. Die Wahl wurde aufgehoben wegen nicht erlaubter Beeinflussung der Wähler (Neidhardt hatte im Wahlkampf Zigarren verschenkt). Sie wurde am 29. Juli 1911 wiederholt. Die Überprüfung der Rechtmäßigkeit dieser Wahl dauerte fast ein Jahr. Das nahm Bürgermeister Lötz zum Anlass, seinem gewählten Nachfolger nicht Platz zu machen. Zudem beschloss die noch bestehende Zentrums-Mehrheit im Gemeinderat, auch die anstehende Gemeinderatswahl zu verschieben. Die Sozialdemokraten warfen dem Zentrum vor, unter Vorwand an der Macht bleiben zu wollen. Die Sozialdemokraten im Gemeinderat, Martin Schwab und Valentin Braun (Karl Rink war verzogen, Michael Deller gestorben und Michael Frank V. zum Zentrum übergewechselt) erklärten daher am 3. Februar 1911, an keiner Sitzung mehr teilnehmen zu wollen, der Bürgermeister Lötz vorsitze. Die nunmehr drei von neun Gemeinderäten seien damit nicht beschlußfähig. Schwab prozessierte daher und verlor, mußte gar 25 Mark Strafe zahlen. Zwei Wochen später wurden beide Sozialdemokraten vom Kreisamt bestraft, weil sie nicht an den Sitzungen teilnahmen. Der Beigeordnete Gensert verklagte Schwab gar wegen Beleidigung. Dieser habe öffentlich die verspätete Übersendung von Protokollen kritisiert. Eine Bürgerversammlung mit mehr als 200 Teilnehmern verlangte am 22. Februar 1911 Wahlen zum Gemeinderat. Dem öffentlichen Druck musste der Bürgermeister schließlich nachgeben. Für den 11.3.1911 ließ er Gemeinderats-Wahlen ansetzen, nach fünf Beschwerden ans Kreisamt und zweien im Ministerium. Die Wahlen endeten mit einem Triumph der Sozialdemokraten. Alle fünf Gewählten waren Sozialdemokraten. Damit nahmen von 9 Gemeinderatssitzen 7 die Sozialdemokraten ein. Einen Monat später unterlag auch Michael Gensert mit 180 Stimmen bei der Wahl zum Beigeordneten. Der von den Sozialdemokraten unterstützte Valentin Reiß erhielt 209 Stimmen, zwei Stimmen waren ungültig. Auch diese Wahl wurde (allerdings erfolglos) angefochten. Die Kämpfe der politischen Parteien am Ort waren nicht nur ideologischer Natur. Wegen der Gemeinderats-Wahlen hielt sich im März 1911 gar ein Untersuchungs-Richter in Urberach auf. Den Höhepunkt der Auseinandersetzungen brachte dann die Wahl des Bürgermeisters am 29. Juli 1911. Eine Woche vorher war noch nicht bekannt, ob der alte Bürgermeister Lötz erneut kandidieren würde. Fast hämisch vermerkt das Offenbacher Abendblatt am 27. 7., dass der neue Kandidat des Zentrums, Adam Wagner, nur wegen seiner großen Verwandtschaft aufgestellt worden sei. Bei wiederum hoher Wahlbeteiligung, 403 Wähler bei 408 Wahlberechtigten, siegte erneut Georg Neidhardt mit 221 zu 179 Stimmen. Die Partei ging aber sehr bald auf Distanz zu dem von ihr unterstützten Kandidaten. Sie erklärte schon einen Monat später, wohl auch unter dem Eindruck, den ihr Verhalten in der Partei im Wahlkreis erweckt hatte, dass sie ab sofort mit Neidhardt nichts mehr zu schaffen habe und auf Parteilinie zurückschwenke. Nach den in Urberach so überaus erfolgreichen Kommunalwahlen gingen die Sozialdemokraten auch sofort daran, ihr Kommunalwahl-Programm zu verwirklichen. Einer der ersten Punkte war die Vergabe öffentlicher Aufträge durch Ausschreibung, wobei Unternehmer, die Hungerlöhne zahlten, nicht berücksichtigt werden sollten. Organisatorisch gestärkt ging die Partei in den Reichstagswahlkampf 1912. Im Wahlkreis Offenbach - Dieburg erreichte sie ihr Wahlziel. Am 12.1.1912 siegte Carl Ulrich im ersten Wahlgang mit 54,8 % der Stimmen. Im Reich konnten die Sozialdemokraten ihren Anteil von 28,9 % 1907 auf 35,3 % steigern, ihre Mandate im Deutschen Reichstag von 43 auf 110. Insgesamt hatten 4,25 Millionen Wähler den Sozialdemokraten ihre Stimme gegeben. Sie war damit die mit Abstand stärkste Partei geworden.
Neben der politischen und gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter wurde eine Reihe von Selbsthilfeorganisationen zur Sicherstellung elementarer Bedürfnisse gegründet. Die bekannteste ist die Konsum-Genossenschaft. Im Jahre 1912 wurde in Urberach der erste Laden, in dem heutigen Haus Konrad-Adenauer-Straße 11, eingerichtet. Erster Filialleiter wurde Adam Lang II. Adam Lang war auch lange Jahre Vorsitzender der Kohlenkasse Urberach, die den Winterbrand preisgünstig zu beschaffen hatte. Im Konsum wurde man als Mitglied zweifach am Gewinn beteiligt. Einmal wurde auf den Geschäftsanteil ein Zins gezahlt, den die Konsumgenossen jährlich festlegten. Zum zweiten erhielten Mitglieder auf die Waren noch einen Rabatt, der ebenfalls von der Genossenschafts-Versammlung festgesetzt wurde. Durch Großeinkäufe und Verhandlungen mit ortsansässigen Metzgern und Bäckern konnte die Genossenschaft ihren Mitgliedern preiswert Lebensmittel anbieten. Die Kohlenkasse hatte unter ihrem Vorsitzenden Michael Deller 1906 erst 86 Mitglieder. 1916 waren es 220, und der Umsatz betrug 8.400 Mark = 4.800 Zentner Kohlen und Briketts. Größte Selbsthilfeorganisation Urberachs war 1910 der Sanitätsverein mit 343 Versicherten. Er übernahm Kosten, die den Mitgliedern durch Krankheit entstanden, und verhandelte mit Ärzten über Honorare. Apotheker-Rechnungen machten den größten Teil der Ausgaben aus, weshalb die Sozialdemokraten auch die Kommunalisierung der Apotheken forderten. Der Sanitätsverein bestand neben der Ortskrankenkasse: das Selbstbewußtsein der Arbeiter-Organisationen war durch ihre vielfältigen Aktivitäten so gewachsen, dass sie die Bevormundung durch den ihnen verhassten Staat ablehnten. Die sozialdemokratische Partei befand sich nach den Reichstagswahlen weiter im Aufwind. Ihre Mitgliederzahl wuchs 1912 auf 186. Auch konnte sie viele ihrer Vorstellungen im Gemeinderat durchsetzen, wie die Abschaffung des Akkordlohns bei Gemeindearbeitern und eine verbesserte Versorgung durch Ausbau des Gaswerks Ober Roden.
Die Kreistage im Großherzogtum Hessen waren keine demokratisch gewählten Parlamente. Entsprechend der Kreisordnung von 1874 setzten sie sich zusammen aus einem Drittel der 50 Höchstbesteuerten und zwei Dritteln der Bevollmächtigten der Gemeindevorstände. Bis 1911 hatte der Kreistag Dieburg 18 Mitglieder. Die 50 Höchstbesteuerten wählten 6 Mitglieder. Unter diesen 50 befanden sich auch vier aus Urberach mit Namen Bloch, die Besitzer der Firma Bloch und Hirsch, sowie die Firma selbst, die ebenfalls wählen konnte. Ab 1911 umfasste der Kreistag Dieburg 21 Mitglieder. Urberach bildete zusammen mit Ober Roden, Messenhausen, Eppertshausen und Nieder Roden den 2. Wahlbezirk. Die Wahlzeit der Mitglieder betrug sechs Jahre. Nach den ersten drei Jahren, also 1913, musste die Hälfte ausscheiden. Da Altbürgermeister Lötz in der Zwischenzeit gestorben war, wurde im 2. Bezirk neu gewählt. Das Wahlergebnis: Mit Ludwig Rink zog zum ersten Mal ein Sozialdemokrat in den Kreistag Dieburg ein. Sein erster Antrag, der am 9. Juli 1914 mit allen Stimmen, außer seiner eigenen, abgelehnt wurde, forderte die Gründung eines Fonds zum Bau eines Kreiskrankenhauses. Während des Krieges kam das politische Leben nahezu zum Erliegen. Die sozialdemokratische Partei war in Urberach innerhalb von knapp zwanzig Jahren zur politisch stärksten Kraft geworden. Die Arbeiterbewegung hatte sich zahlreiche gut funktionierende Organisationen geschaffen, die halfen, ihren Kampf um gerechte Teilhabe an den produzierten Gütern, ihre politische Emanzipation und die gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben zu bestehen. Diese dynamische Entwicklung wurde auch in Urberach durch den 1. Weltkrieg gestoppt. Sie sollte sich in dieser Form nicht mehr wiederholen.